Archiv für Juli 2010

Mit gutem Service Design zu gutem Customer Experience

30. Juli 2010 von Helmut Kazmaier | 1 Kommentar

What's the Secret?What’s the Secret?:
To Providing a World-Class Customer Experience
John R. DiJulius III

John Wiley & Sons, Inc. Hoboken, New Jersey, 2008. Bei Google Books.

Executive Summary

DiJulius beschreibt in seinem Framework wie ein Unternehmen dazu kommt, dass seine Kunden ein «World-Class Customer Experience» haben. Die Ausführungen beziehen sich dabei hauptsächlich auf den Aspekt des Service Design mit einem deutlichen Fokus auf die Hotellerie und das Gastgewerbe.


Buchzusammenfassung
(PDF, 160KB, Deutsch)

Struktur des Buches

Das Buch gliedert sich in zwei Teile mit insgesamt 14 Kapiteln.
Den ersten Teil widmet DiJulius der Bedeutung von «Customer Service». Er führt aus, dass Firmen mit hoher Kundenzufriedenheit erfolgreicher sind. Er beschreibt weiterhin die negativen Auswirkungen mangelnden Services und Differenzierung über den Preis. Eine kurze Liste von «World-Class Service Sins» sowie ein Hinweis auf sein Instrument C-SAT (Customer Service Aptitude Levels) beschliessen den ersten Teil.

Chain of Commandments

Der zweite Teil beschreibt in zehn Kapiteln das Framework «Chain of Commandments»:

  1. Service Vision (Kapitel 5):
  2. World-Class Internal Culture (Kapitel 6)
  3. Non negotiable Experiential Standards ( Kapitel 7)
  4. Secret Service System (Kapitel 8 )
  5. Training to Provide a World-Class Customer Experience (Kapitel 9)
  6. Implementation and Execution (Kapitel 10)
  7. Zero Risk (Kapitel 11)
  8. Creating an Above-and-Beyond Culture (Kapitel 12)
  9. Measuring Your Customer’s Experience (Kapitel 13)
  10. World-Class Leadership (Kapitel 14)

Wie das Buch Customer Experience beleuchtet

DiJulius versteht das Kundenerlebnis als direkte Folge von Customer Service. Auch wenn er bei seinen sechs Komponenten der Customer Experience noch verschiedene andere Aspekte aufzählt, handelt das Buch doch weitestgehend von der direkten Interaktion der Mitarbeitenden mit den Kunden und allenfalls noch den Abläufen im Hintergrund, die diese unterstützen. Er führt dabei viele Beispiele aus Hotels, Restaurants und seinem eigenen Wellness Spa an.

Eine genaue Definition, was genau er unter Customer Experience versteht, gibt DiJulius nicht. Die Begriffe Customer Service, Customer Experience, Customer Satisfaction und Customer Loyalty werden in verschiedenen Wirkungszusammenhängen erwähnt oder teilweise synonym verwendet. Gleichwohl gibt DiJulius eine simple Formel an, mit der man Customer Experience messen kann:

Reality – Expectation = Customer Experience

Nach Ansicht von DiJulius reicht es nicht, Kunden zufrieden zu stellen, sondern man muss mit «World-Class» Service und «Above-and-Beyond» Erlebnissen Kunden begeistern, um deren Loyalität zu gewinnen. Dabei spielen vor allem die nicht geäusserten Bedürfnisse eine grosse Rolle, die es zu antizipieren und bedienen gilt.

Was man von diesem Buch lernen kann

Das Framework, das quasi als Kochrezept für eine «World-Class» Customer Experience Firma dienen soll, wird diesem Anspruch nicht ganz gerecht. Allerdings bietet das Buch einige Anleitungen, Methoden und Beispiele, wie man den Kundenservice in einem Unternehmen verbessern kann. Neben etlichen konkreten Tipps, die vor allem in im Hotel- und Gastgewerbe 1:1 anwendbar sind, gibt das Framework auch einige gute Impulse für andere Branchen, das eigene Unternehmen aus Sicht der Kunden neu zu erfinden. Besonders spannend finde ich die Aspekte des Kulturwandels und wie dieser innerhalb des Unternehmens durch eine geschickte Vermarktung der Service Vision und Anerkennung entsprechender Leistungen seitens der Mitarbeiter unterstützt werden kann.

Persönliche Bewertung und Kritik

Würde der Titel lauten: Wie ziehe ich ein 5 Sterne Hotel auf, würde mir das Buch bedeutend besser gefallen. So bleiben in Bezug auf Customer Experience noch einige Fragen offen, was schon mit der Definition beginnt.
DiJulius zitiert Pine und Gilmore und ihr Buch The Experience Economy,  bewegt sich mit seinem Buch aber eher in der Service Economy: man muss einfach besseren Service als die Konkurrenz bieten, die Extra-Meile gehen und «Above-and-Beyond» Gelegenheiten nutzen. Obwohl DiJulius an der einen oder anderen Stelle darauf aufmerksam macht, dass dies viel harte Arbeit bedeutet, klingt vieles sehr einfach bzw. wird nur oberflächlich behandelt. So lautet seine Anleitung wie man zu einer Service Vision kommt ungefähr so: «Das Management muss sich intensiv zusammensetzen und die Vision erarbeiten. Und wenn sie weniger als 30 Stunden dafür brauchen, ist es vermutlich nur oberflächlich und unbrauchbar» (S. 91).

Wie viele Bücher aus dem angelsächsischem Raum kommt mir auch dieses etwas zu lang vor und es strotz vor Wiederholungen. Obwohl ich Anekdoten grundsätzlich ganz spannend und zur Illustration geeignet finde, sind es dann für meinen Geschmack doch ein paar zu viele. Vor allem weil es sich häufig um Steak-House X  oder Pizzeria Y handelt und der Anwendungskontext schon sehr spezifisch auf Gastronomie ausgerichtet ist.

Den ersten Teil finde ich deutlich zu schwach, obwohl der Versuch, zunächst Glaubwürdigkeit aufzubauen und die Wichtigkeit des Themas zu verdeutlichen mir durchaus sinnvoll erscheint. Leider bleibt der Beleg trotz einiger seriöser Quellen und Studien doch eher schwach und voller Behauptungen, von denen ich auch etlichen intuitiv zustimmen würde. Aber hier hätte ich mir doch etwas mehr Tiefgang gewünscht.

Als Anregung zu kundenorientiertem Service Design taugt das Buch allemal und bietet mit seinen vielen Praxisbeispielen auch einen entsprechenden Mehrwert. Die ein oder andere Methode wie der «Customer Experience Cycle Workshop» (s.187) sind spannend und nützlich. Das Buch hat einen deutlichen operativen Fokus und richtet sich vermutlich eher an kleinere Unternehmen, auch wenn häufiger Firmen wie Disney oder Ritz-Carlton zitiert werden.

Empfehlung

Aufgrund des operativen Fokus würde ich das Buch vor allen Personen empfehlen, die direkt für die Gestaltung von Kundeninteraktionen verantwortlich sind.  Für HR Abteilungen mag das Thema des Kulturwandels spannend sein. Die vielen Beispiele und Anekdoten bieten Stoff für all diejenigen, die andere überzeugen wollen, dass Kundenorientierung und Kundenservice wichtige Themen sind, die für den nachhaltigen Erfolg von dienstleistungsorierntierten Unternehmen essentiell sind.


Buchzusammenfassung
(PDF, 160KB, Deutsch)

Customer Experience Network eXchange im Juli – Mit gutem Prozess-Design das Kundenerlebnis verbessern und Kosten senken

12. Juli 2010 von Helmut Kazmaier | 1 Kommentar

Nicole Knuchel hat mit ihrem Fallbeispiel von Swisscom eindrücklich gezeigt, wie man mit kundenzentriertem Prozess-Design nicht nur das Kundenerlebnis verbessern, sondern auch durch die gewonnene Effizienz Kosten sparen kann. Die nachfolgende Diskussion hat verschiedenste Herausforderungen in diesem Zusammenhang aufgebracht, von denen das Thema «Incentivierung» als besonders wichtig und herausfordernd empfunden wurde.

«CX» Fundstücke

::Die digitale Visitenkarte

In der neuen digitalen Welt der sozialen Netze mutet es beinahe als Anachronismus an, Visitenkarten aus Papier zu tauschen. Mit Poken soll der Austausch von Adressdaten vereinfacht werden. Durch Berühren der Pokens wird der Kontakt hergestellt und auf der Poken-Webseite können dann die freigegebenen Adressdaten angesehen und verwendet werden. Besonders schön ist die Timeline, die den zeitlichen Verlauf der geschlossenen Kontakte darstellt.
Link zu Webseite: www.poken.com

::Broschüre für Hörgeräte

Als Kundenbindungsmassnahme hat ein Hörgerätehändler eine kleine Broschüre entwickelt, die auf viele Fragen im Alltag von Hörgerätnutzern eine Antwort bietet bzw. auf den Service des Händlers verweist und damit Hilfe anbietet.

::Der Internet Hase

Internet ganz neu erleben kann man mit Nabaztag. Einm Gerät in Form eines stilisierten Hasen, das verschiedene Informationen aus dem Internet vorlesen kann, wie z.B. Wetterberichte, Börsennews oder beliebige RSS Feeds. Um das Hasen-Konzept wurde noch eine Menge weiterer Services entwickelt, die Interaktionen und die Verbindung von realer und virtueller Welt ermöglichen.
Link zur Webseite: www.nabaztag.com

Prozesse wie am Schnürchen

Mit einer besonderen Ausgangslage sah sich Nicole Knuchel bei Swisscom konfrontiert. Aufgrund verschiedener technischer Änderungen wurde es notwendig, den Notifikations- und Bestellprozess von verschiedenen Swisscom Produkten zu überarbeiten. Nicole hat die Gunst der Stunde genutzt und das Redesign des Prozesses aus Kundensicht in Angriff genommen. Dieser wurde in Form von Customer Journeys aufgezeigt. Mit Motivinterviews wurde über die reine Zufriedenheit mit den einzelnen Prozessschritten auf die Ausprägung der vier Grundmotive «Kontrolle», «Selbstwert», «Bindung», «Lust» der Kunden geschlossen. Mit diesen neuen Daten wurden Grundregeln abgeleitet, wie ein Bestellprozess und die damit verbundene Kommunikation idealerweise aussehen sollte. Der neue Prozess wurde in einer Prototyping-Phase mit Kunden getestet und weiter verfeinert. Das letztendliche Resultat wurde in einer Pilotphase breit getestet und hat für bemerkenswerten Erfolg gesorgt: die Anzahl Support-Anfragen hat sich drastisch reduziert. Genau deshalb ist dieses Fallbeispiel auch so eindrücklich. Durch den Fokus auf die Kunden konnte nicht nur das Prozesserlebnis verbessert, sondern gleichzeitig auch durch die Reduzierung der Supportanfragen eine deutliche Kostenreduktion erzielt werden, so dass sich das Projekt in sehr kurzer Zeit amortisieren wird.

Die anschliessende Diskussion bezüglich des Potentials von Prozessoptimierung aus Kundensicht hat eine Herausforderung ins Zentrum gestellt: Incentivierung der Prozessteilnehmer – der internen und vor allem auch der von externen Partnern. Aufgrund der intensiven Diskussion und des offensichtlichen Bedarfs, werden wir das Thema in einer der nächsten Veranstaltungen ausführlicher behandeln.

Bericht vom Customer Experience Forum 2

In einem kurzen Überblick haben wir die wichtigsten Stationen im Verlauf des Tages zusammengefasst, welche auch auf unseren «Customer Experience»-Seiten erläutert sind: http://topics.stimmt.ch/customer-experience-forum-2/

Weitere Veranstaltungen

Wir freuen uns auf die kommenden Veranstaltungen, die weiterhin am 1. Mittwoch im Monat stattfinden werden. CX-Pioniere sind eingeladen ihre Fallbeispiele, Erfahrungen oder Herausforderungen in diesem Rahmen zu präsentieren. Interessenten wenden sich bitte an Helmut Kazmaier.

Creating & Delivering your Value Proposition – Wie Unternehmen zum «Wow» kommen.

01. Juli 2010 von Glenn Oberholzer
Creating & Delivering Your Value Proposition – Managing customer experience for Profit, Cindy Barnes, Helen Blake, David Pinder.
London – Kogan Page, 2009.Bei Google-Books

Executive Summary

«Organizations are paid to create value, not to control costs». Das Zitat von Peter Drucker (Seite 184) fasst zusammen, worum es in dem Buch geht. Das überliegende Ziel jedes marktwirtschaftlichen Unternehmens, so die Autoren, ist es Wert zu schaffen für Kunden. Um das zu erreichen, brauchen Unternehmen ein Nutzenversprechen (Value Proposition). Cindy Barnes, Helen Blake und David Pinder beschreiben den Weg zum Nutzenversprechen und die konkrete Umsetzung vor allem mit Fokus auf Sales und Marketing. Sie verraten konkrete Tipps, die den Fokus auf die Kunden sicher stellen.

Zwei zentrale Frameworks aus dem Buch:

Die «Value Pyramid » , als PDF

Der «Value Proposition Builder », als PDF

Struktur des Buchs

Das Buch strukturiert seine 200 Seiten in 15 Kapitel. Diese Kapitel lassen sich in drei Blöcke unterteilen:

  • Was ist eine Value Proposition und warum ist sie hilfreich?
  • Wie kommt ein Unternehmen zu einer Value Proposition?
  • Wie setzt man die Value Proposition in die Praxis um?

Wie das Buch Customer Experience beleuchtet

Wert definiert sich bei Barnes et al. als Nutzen minus Kosten (Value = Benefits – Costs). Es geht darum, möglichst hohen Nutzen bei möglichst geringen Kosten zu schaffen. Nutzen wie Kosten wiederum sind subjektiv und hängen stark vom Kontext der Kunden ab. Die Autoren betonen, dass Nutzen und Kosten auf verschiedenen Ebenen zu betrachten sind: die rationale, politisch/organisatorische und emotionale Ebenen spielen bei der Bewertung eine wesentliche Rolle. Diese Erkenntnis deckt sich auch mit unserer Definition von Customer Experience.

Der genaue Zusammenhang zwischen Customer Experience und der Value Proposition wird nur vage angedeutet. Die Autoren gehen davon aus, dass «Customer Experience» eine Dimension von Wert/Value für Kunden darstellt. Zwei zitierte Studien belegen, dass Firmen, die für sich eine Definition von Customer Experience gefunden, haben ihre Profitabilitätsziele übertreffen  [1] und den S&P 10:1 schlagen können, wenn sie sich auf Customer Experience Design fokussieren [2].

Um von einer Differenzierung über Preis wegzukommen, muss das Kernprodukt als Teil eines Systems von Dienstleistungen und anderen Produkten (“The Whole Product Model”, Levitt, Simon, Schuster, 1986) gedacht werden. So wird aus einzelnen Komponenten ein Angebot, eine Lösung und zu guter letzt echter, gemeinsam geschaffener Nutzen (co-created value), also eine mit dem Kunden zusammen entwickelte, personalisierte Lösung.

Um herauszufinden, was wirkliche “Wow”-Nutzenversprechen sind, bietet sich eine einfache 2×2 Matrix an. Die x-Achse definiert «Nutzen für den Kunden», die y-Achse «Differenzierung gegenüber der Konkurrenz». Hoher Nutzen bei grosser Differenzierung führt zu «Wow», tiefer Nutzen bei kleiner Differenzierung zu «so what?».

Entscheidungsmatrix für Kundennutzen

Entscheidungsmatrix für Kundennutzen, Quelle: Barnes et al. Creating & Delivering Your Value Proposition

Nachdem ein Nutzenversprechen gefunden wurde, das sowohl den Kunden wie auch dem Unternehmen maximalen Mehrwert bietet, geht es darum, dies auch zu kommunizieren und die ganze Unternehmung darauf abzustimmen. Dabei ist zentral eine Kultur zu verankern, die den maximalen Nutzen für alle Stakeholder ins Zentrum rückt.

Was man von diesem Buch lernen kann

Vor allem im ersten Teil zeigen die Autoren eindrücklich und klar, wie sich die heutige Welt verändert hat und wie wichtig es ist, sich auf den Nutzen von Produkten und Dienstleistungen aus Sicht der Kunden zu fokussieren: «At no time since the dawn of the industrial age have customers’ needs been a primary focus of business activity – until now» (Seite 11).

Ganz klar wird dabei: «A feature is not a benefit unless it is a solution to a need» (Seite 17). Um Kunden wirklichen Nutzen zu liefern müssen Firma ihre Kunden verstehen und eigene Annahmen überdenken: «Before you are able to put yourself in someone else’s shoes, you have to take off your own» (Seite 8 )

Persönliche Bewertung und Kritik

Das Buch liest sich relativ flüssig und viele der Gedankengänge sind auf den ersten Blick schlüssig. Auch kann ich vielen der Aussagen in dem Buch zustimmen. Allerdings sind bei genauerem Hinschauen die Puzzle-Teile nicht zu einem Ganzen verbunden. Es gibt kaum Kausalitäten in den Aussagen und selbst das vorgestellte Framework ist in sich nicht widerspruchsfrei. Es bietet dennoch einen Rahmen und ein Vorgehen, mit dem man relativ zielstrebig zu einer Value Proposition kommt. Dabei hilft das Buch, mit einfachen Werkzeugen konsequent auf den Nutzen (vor allem für die Kunden) zu fokussieren.

Empfehlung

Ich empfehle das Buch Praktikern, die Ideen brauchen, wie sie ihre Fragestellungen mittels einfacher Werkzeuge näher beleuchten möchten. Leider trägt es wenig zur Weiterentwicklung der Konzepte bei – vieles ist Standard Marketing-Denken.

[1] Finding the Performance Pay-off in Customer Experience, Aveus, 2008
[2] Blueprint: The discipline of Service Innovation, Peer Insight, 2007